Schneeglöckchen - was sonst?

Begeistert ließen sich die zahlreichen Anwesenden..
...von der Vielfalt der Schneeglöckchen (sehen Sie den Unterschied oder gibt es doch gar keinen?)..
...und der Leidenschaft des Vortragenden verzaubern.

Vortrag von Dr. Heidger am 20.11.2013

„Ich warne Sie, man muss sich bücken!“

So berichtet der Galanthophile Dr. Heidger. Und selten haben die DGGL-Mitglieder eine kurzweiligere Vorlesung zu Schneeglöckchen gehört. Zunächst müssen natürlich erst einmal die Grundlagen gelegt werden. Es geht um die Anordnung der Blätter, um die Formen der Tepalen und die Farben der Flecken am Sinus. Was genau sind Bestimmungsmerkmale, was nur seltene Formen? Was ist ein herbstblühendes Frühjahrsschneeglöckchen und gibt es auch ein frühjahrsblühendes Herbstschneeglöckchen?

Dann ist es natürlich wichtig, die Fundorte zu kennen und die Nachricht, dass es sich hier um wärmeliebende Gewächse handelt, die in frischen Auenwäldern wachsen, hat zunächst etwas Beruhigendes. Bei uns kommen sie fast nur noch an der Mosel im Weinbergsklima natürlich vor. Wenn man Blut geleckt hat, bucht man zum Beispiel „Türkei all inclusive“, dann schlägt man sich ab 7.00 Uhr morgens entlang der Bäche die Gebirgstäler hinauf bis man in den Haselnusswäldern seine ersehnte Beute trifft. Vor 16.00 Uhr muss man zurück im Hotel sein, weil man in unwegigen Felsensteppen nachts verloren ist. Fortgeschrittenere Stadien der Sucht treiben Herrn Heidger und andere in weit unwegsamere Gebiete: an die Syrische Grenze, nach Georgien oder in das Taurusgebirge. Am Mount Olymp, im Botanikrestaurant trifft man dann die anderen Verrückten, häufig Engländer. Und wenn man Pech hat, hat es gerade geschneit und Galanthus plicatus, trojans oder cilicius lassen sich nicht blicken.

Mit fortschreitender Zeit werden auch wir Zuhörer süchtig. Wir lernen die einfach Schönen mit ihren Raffinessen und ihrem jeweiligen „Wohnsitz“ in Südosteuropa immer besser kennen und beginnen zu ahnen, wie anstrengend die Reisen waren, wie schön aber auch das Erlebnis, die Schneeglöckchenmatten mit ihrer Begleitvegetation am Standort zu finden. Mit einheimischen Hirten muss man sich verständigen können oder sich von Führerinnen und Führern begleiten lassen, abends mit ihnen trinken und kann seine Sucht nicht verbergen. Selbstverständlich werden nur die Samen des einzigen nicht geschützten Schneeglöckchens, des Galanthus woronowi, in der eigenen Tasche geborgen, man muss damit ja schließlich später durch den Zoll.

Warum also nicht auch einige Zuchtsorten im Garten anpflanzen? Die Sorten heißen ‘Eisbär‘ oder ‘Gletscherwasser‘, es gibt etwa 3-4000 Sorten und man kann zwischen einem und 1000 Euro dafür ausgeben. Nicht vergessen sollte man den Schutz vor den Narzissenfliegen, die die kostbare Ware so leicht zerstören können. In einem Hannoverschen Kleingarten wuchert also Dr. Heidger’s Pracht, zwischen Giersch und Brennesseln. Die Schneeglöckchen mögen es warm, sie lieben Kalk aber sie sind keine Ordnungsfanatiker, man kennt das ja aus dem Auwald.

 

Text: Bettina Oppermann 25.11.2013
Fotos: © Martina Gollenstede 20.11.2013