Nachlese zu den 23. Nordischen Baumtagen in Rostock Warnemünde

Michael Grolm, Tonndorf
Diskussion über Bürgerbeteiligung in der Friedrich-Franz-Straße
Dr. Roberto Buffi
Ausklang im Dreiseithof der Familie Heinz in Schmadebeck
Dr. Hans-Joachim Schulz

Veranstaltungsprogramm


Manches kam anders als geplant bei diesen 23. Nordischen Baumtagen, die – zumindest dieses wie angekündigt – vom 12. bis zum 14. Juni 2013 wieder im Warnemünder Technologiezentrum stattfanden. Es fing bereits bei der Moderation des ersten Tages an: Stefan Patzer galten die ersten Grüße und guten Wünsche zur baldigen Genesung, denn er hatte es vorgezogen, sich in hohem Bogen über den Fahrradlenker davon zu machen statt durch den ersten Tag zu führen.
Aber das somit auf ein Duo reduzierte Moderatoren-Gespann Steffie Soldan und Wolf-Peter Polzin hatte – auch dank eines abwechslungsreichen Cocktails unterschiedlichster Vortragsthemen – keine Probleme, die zahlreich erschienenen Fachleute, Bauausführende und Planer durchs Programm zu führen.
Das startete – nach dem Grußwort des Schirmherren Holger Matthäus, seines Zeichens Senator für Umwelt und Bauen der Hansestadt Rostock – mit einem eindringlichen Appell für eine mit Verstand durchgeführte Pflege und Nutzung der zahlreichen Obstbäume im öffentlichen Raum, mit Enthusiasmus und viel Sachverstand nahe gebracht von Diplom-Ingenieur agr. Michael Grolm, der in seiner Thüringer Schule für naturgemäßen Obstbaumschnitt auf Schloß Tonndorf Baumschnitt- und Veredlungskurse anbietet bis hin zur Ausbildung zum Baumwart. Von der auf das Projekt bezogenen Auswahl nach Sorten und Reifezeiten über die Qualitäten und Pflanzabstände bis hin zu Pflegetipps spannte Grolm den Bogen seines Vortrages, den sich sowohl Planer wie Auftrag gebende Kommunen aber auch der Praktiker beim Obstbaumschnitt zu Herzen nehmen konnten.
Gewohnt unterhaltsam, detailiert und hintergründig waren die Ausführungen von Dipl.-Ing. Wolf-Peter Polzin, Leiter der Unteren Naturschutzbehörde beim Landkreis Rostock, zum Baum des Jahres – dem Wildapfel. Wege ins Paradies und zurück – die Überschrift fasst die Vortragssplitter über den Wildapfel gut zusammen: die mit eindrücklichen Bildern aus Stubbendorf und Meierhof bei Münchberg untermalten botanischen Details sowie die Informationen zu Herkunft und Ausbreitung bis hin zur Nutzung – ob als erlesener Wildapfelbrand oder noch exklusiver im Uhrenbau – mündeten in die philosophische Grundsatzfrage und den religiösen wie historischen Exkurs, wie eigentlich der Apfel in Evas Hand kam – der wohl dann auch eher eine Feige war.
Dies bildete dann auch schon den perfekten Übergang zum Bericht von Dipl.-Ing. Karsten Kriedemann über eine Reise nach Uganda und die wohl einmalige Nutzung der Natal-Feige (Ficus natalensis) in Form von Rindentuch. Was sich im Programm noch als eher unscheinbarer Tagesordnungspunkt versteckte, entpuppte sich als ein spektakulärer Reise- und Erlebnisbericht: Herr Kriedemann, ö. b. v. Sachverständiger und Inhaber eines Ingenieurbüros für Umweltplanung in Schwerin,  hatte 2012 selbst die Gewinnung der Rinde der Natal-Feige und Verarbeitung zum Rindenflies vor Ort entdeckt und dokumentiert und dem erstaunten Auditorium neben imposanten Bildern und Filmsequenzen diverse Artikel vom Hut über Hemd bis hin zum 12qm großen Rindentuch vorgestellt.
Aus den ostafrikanischen Waldschutzgebieten des Kabale-Forest-National-Parks ging es dann wieder zurück in die Niederungen deutscher Rechtsstaatlichkeit: Diplom-Geograph Wolfgang Oehler, Projektleiter bei Grontmij, Hamburg, erläuterte an Beispielen aus Rostock-Warnemünde die rechtssichere Durchführung von Bürgerbeteiligungsverfahren bei Straßenbaumaßnahmen – insbesondere beim emotionsgeladenen Umgang mit Straßenbaumbestand. Herr Oehler gab einen informativen Überblick über die aus BauGB und PlVer-einhG resultierenden Mindestanforderungen an Bürgerbeteiligung wie auch an Hand von Beispielen praktische Durchführungshinweise und statistische Auswertungen. Fazit: eine frühzeitige, offensive und intensive Einbindung der Öffentlichkeit in Planungsprozesse bewahrt Kommunen und Planer vor mancher Auseinandersetzung auf der Baustelle – dennoch wird man’s nie jedem recht machen können.

Nach der Mittagspause führte die Teilnehmer dann ein interessanter Rundgang durch Warnemünde zu den aktuell in Durchführung befindlichen wie den bereits abgeschlossenen und noch geplanten Straßenbaumaßnahmen – immer gewürzt mit der Fragestellung „Umgang mit dem Baumbestand“. Heiko Tiburtius, Leiter des Tief- und Hafenbauamtes, Dr. Stefan Neubauer, Leiter des Amtes für Stadtgrün, Naturschutz und Landschaftspflege, sowie Herr Oehler vom Büro Grontmij und Hannes Hamann, Landschaftsarchitekt erläuterten die Bauvorhaben in Alexandrinen-, Kirchen-, Friedrich-Franz-, Anastasien- und Dänische Straße sowie am Kirchplatz. Vom kompletten Erhalt des Baumbestandes mit allen Konsequenzen bis zur vollständigen Rodung und Neuanlage war jeder Aspekt beleuchtet – auch der, dass der natürliche Feind des Straßenbaumes, der Stellplatz, nicht unterbewertet werden darf.
Nicht hoch genug zu bewerten sind auch die Abendveranstaltungen der Baumtage!

Wenn sich Teilnehmer der Nordischen Baumtage auf einem Dampfer treffen und auf's Wasser fahren, heißt das nicht zwangsläufig, dass sie eine Exkursion in einen Mangrovensumpf unternehmen wollen. Im Gegenteil: am Abend des ersten von drei Tagen war von den Organisatoren für den Austausch von Ideen und Erfahrungen in lockerer Runde das ehemalige Forsthaus "Schnatermann" ausgewählt worden. Am Rande der Rostocker Heide und direkt am Breitling konnte der Tag voller interessanter Vorträge und Ortsbesichtigungen von ehemaligen, aktuell laufenden und künftigen Straßen-Baustellen in Warnemünde mitten im Grünen ausklingen. Den zum Empfang angetretenen, nein angeflogenen stechlustigen Mücken gelang es nicht, die gute Stimmung der Tagungsteilnehmer zu  trüben. Interessant war es für alle, den Hafen, Warnemünde und Markgrafenheide auch einmal aus der Perspektive vom Wasser aus zu sehen.

Tag Zwei begann planmäßig mit dem Vortrag Prof. Dr. Dirk Dujesiefkens und Dipl.-Ing. Thomas Kowol vom Institut für Baumpflege in Hamburg über den Umgang mit historischen Alleen unter den Aspekten ursprüngliches Konzept, Versäumnisse der Vergangenheit, Verkehrssicherheit, Naturschutz und geplante Baumaßnahmen. An zwei Beispielen, der Lindenallee am Ostring in Hamm und der Platanenallee am Konrad-Adenauer-Ufer in Koblenz, führten Prof. Dr. Dujesiefken und Herr Kowol beeindruckend nachvollziehbar dar, wie eine sachliche und nüchterne Erfassung und Auswertung aller vorgenannten, planungsrelevanten Aspekte vor dem Hintergrund einer einzelbaumweisen Untersuchung die Basis für eine Entscheidung mit enormer Tragweite bilden können. Voraussetzung, so lautete der Hinweis sowohl von Herrn Kowol wie auch von Prof. Dr. Dujesiefken, ist die Kommunikation zwischen allen Beteiligten und Fachkompetenzen von Naturschutz über Denkmalpflege bis hin zum Artenschutz. In beiden Fällen führte dieser Prozess dann auch zu höchst unterschied-lichen Ergebnissen: komplette Neuanlage nach historischem Vorbild in Hamm, einheitliche Einkürzung des Altbaumbestandes als Kompromiss zwischen Ansinnen der Denkmalpflege und Belangen der Verkehrssicherheit. In Rückblick auf Tag eins erfolgte aber der Hinweis von Prof. Dr. Dujesiefken: „ohne Öffentlichkeitsarbeit hat man verloren!“

Dem terminlichen Missverständnis von Dr. Schulz war es geschuldet, dass Forstingenieur Dr. Roberto Buffi aus der Schweiz seine Philosophie über den Wald als vernünftig geplanten Gegenstand einen Tag früher als geplant zu Gehör bringen konnte – dankenswerterweise mit einem – dem spannenden und immens Gedanken anregenden Vortrag angemessenen – größeren Zeitpensum. Hier wiederzugeben, was der ehemalige, langjährige Forstkreisleiter aus dem Tessin, der die ersten Waldreservate auf der Alpensüdseite etabliert hat, als Inhaber des Beratungsbüros SILVAFORUM  der Forstwirtschaft in Bezug auf Waldprogramme und eine Waldpolitik mit Tiefgang auf den Weg geben möchte, würde den Rahmen des Berichts sprengen. Soviel: Wald ist allein wegen seiner Zeitdimension kein Wirtschaftsfaktor wie jeder andere und Nicht die Baum- und Waldpflege sollte im Zentrum stehen sondern die Pflege der Beziehung zwischen Mensch und Baum, Mensch und Wald.
Anhand der Goethestraße in Bad Doberan – einer Straße, die sich die historische Schmal-spurbahn Molli, der Küstenbus, fahrender wie ruhender Autoverkehr und beidseitig Fußgänger sowie ein unterirdischer RW-Kanal im Zentrum Bad Doberans auch während der knapp bemessenen Bauzeit zu teilen hatten, was beim Umgang mit dem Baumbestand fast zwangsläufig zu einer Entscheidung für eine Rodung und Neuanpflanzung führen musste – erläuterte Wolf-Peter Polzin in seinem zweiten Vortrag die Thematik Alleenschutz, Verfahrensrecht und Öffentlichkeitsarbeit. Insbesondere die besonderen Formen der Bindung von Auflagen an die Entscheidung über die Fällung des Baumbestandes prägten den Exkurs in das Verwaltungsrecht.

Die nachmittägliche Exkursion führte die Teilnehmer dann über die neu gestaltete Goethestraße nach Bad Doberan – vom Planer, Dipl.-Ing. Christoph Merkel von Merkel Ingenieur Consult erläutert – und zum Kletterwald nach Kühlungsborn. Dieser zweite Stopp hätte die vormittäglichen Ausführungen Dr. Schulz‘ zu Bäumen als Spiel- und Freizeitgeräte untermauern sollen, tat dies aber auch im Vorgriff dazu im wahrsten Sinne des Wortes EINDRÜCKLICH. Harald Jordan, der den Kletterwald seit 5 Jahren mit seiner Familie betreibt, berichtete von Planung, Bau bis hin zur Kontrolle und Sicherheitsstandards. Den waghalsigen Klettermanövern zuzusehen hatte sicherlich seinen Reiz, dennoch überdenkt vielleicht doch manch einer, angesichts der bei eingehender Betrachtung sichtbaren Auswirkungen auf den Baum-bestand, zukünftig den Besuch solcher Freizeiteinrichtungen mit ‚Naturerfahrung und –erleben‘.

An diesem zweiten Tag endete die Busexkursion nach Bad Doberan und Kühlungsborn im Dreiseithof von Familie Heinz in Schmadebeck. Sie hat den historischen Hof nach dem Kauf  in liebevoller Arbeit saniert und so diese wertvolle Anlage vor dem Verfall bewahrt und erhalten. Herr Heinz gab einen anschaulichen Bericht über die mühevollen Phasen dieser Zeit und zeigte den "Baumleuten" die Besonderheiten des Anwesens, immer verbunden mit überlieferten und selbst erlebten Anekdoten aus vergangenen Zeiten. Als sich der Wettermacher für Regen entschied, gab es - in der trockenen, reetgedeckten großen Scheune gut geschützt - einen deftigen Imbiss an langer Tafel in uriger Umgebung. Nach einem langen Tag ein schöner Abschluss, der traditionell die Möglichkeit für Gespräche bot.

An Tag drei schließlich brachte Dipl.-Ing. Eckhard Zemke den Wissbegierigen nahe, wie man Baumpflege- und Baumsachverständigenleistungen fachgerecht ausschreibt. Aus seinen Ausführungen wurde deutlich, dass es keine einheitliche Rechtsauffassung zur Vergabe – VOB oder VOL für Baumpflegeleistungen, VOB oder VOF zu Sachverständigenleistungen möglich – gibt. A und O sind die eindeutige und erschöpfende Beschreibung abgefragter Leistungen, so der eindringliche Hinweis.
Mit „Bleiben Sie ruhig – wir melden uns bei Ihnen“ lässt sich der Vortrag Pflanzenschutzrecht im öffentlichen Grün von Dr. Robert Schmidt vom Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei M-V zu den Änderungen durch die neue Gesetzgebung kurz zusammenfassen. Immer wieder fasziniert, wie unterhaltsam Dr. Schmidt diese zwar brisante aber trockene Thematik an das Publikum zu vermitteln vermag. Trotz des anfänglichen Appells wurde dennoch manchem Zuhörer etwas mulmig angesichts der unklaren Rechtslage beim Pflanzenschutz.
Dass Klärungsbedarf besteht zeigte dann auch der Vortrag von Dipl.-Ing Oliver Gaiser vom Institut für Baumpflege Hamburg über die Rosskastanie – ein neuer Problembaum der anhand von Schadbildern an Kastanien in Nordwestdeutschland aufzeigte, dass hier ein neuer Problemfall für die Städte heranwächst: neben der Kastanienmoniermotte macht der Kastanie – und zwar der rot- wie der weißblühenden – seit 2011/12 ein Bakterium zu schaffen, das einhergeht mit dem Befall holzzerstörender Pilze. Bislang mit Beschränkung auf einen Raum nordwestlich der Linie Köln-Hamburg, ist eine Ausbreitung nach Süden und Osten nicht auszuschließen.
Dr. Hans-Joachim Schulz, ö. b. v. Sachverständiger aus Waldbröl/Düsseldorf knüpfte dann schließlich äußerst unterhaltsam an die bereits erzielten Erkenntnisse beim Besuch des Kletterwaldes in Kühlungsborn an und referierte über Bäume als Spiel- und Freizeitgeräte – Möglichkeiten und Grenzen unter dem Joch der Verkehrssicherungspflicht. Neben der Preisgabe seiner Erkenntnis, dass „wer sich in Gefahr begibt, darin umkommt“ wies er vor allem auf die Unverträglichkeit gängiger Anforderungen und Kontrollmechanismen an Spielplatzgeräte mit dem Lebewesen BAUM hin. Anhand – wiederum bemühe ich dies – wahrhaft EINDRÜCKLICHER Bildbeispiele stellte Dr. Schulz dar, welche Schädigungen von den sogenannten ‚baumschonenden‘ Befestigungen ausgehen, was es aber auch sonst für Kuriositäten beim Waldspielplatzbau zu beobachten gibt. Die Fragwürdigkeit dieser naturnahen Spiel- und Freizeitanlagen wurde von ihm aus Sachverständigensicht mehr als deutlich ge-macht.

Einen trefflichen Abschluss fanden die 23. Nordischen Baumtage dann im Schulwald in Papendorf: Thomas Gehrke, Pädagoge von der Warnowschule Papendorf brachte den Teilnehmern der Baumtage dieses faszinierende Schulprojekt mit Erläuterungen von der Entstehung vor 20 Jahren, über den pädagogischen Ansatz bis hin zur aktuellen Nutzung und Weiterentwicklung nahe.

Bleibt, allen Beteiligten zu danken und sich auf die 24. Nordischen Baumtage vom 25. bis 27. Juni 2014 zu freuen!

Frank Claus (tagsüber) und Maren Polzin (zu den Abendveranstaltungen)