Nachlese zu den 22. Nordischen Baumtagen in Rostock Warnemünde

Besichtigung der Baumstandorte in der Budapester Straße mit ausgiebiger Diskussion
Baustelle des Darwineums
Frau Dr. Barbara Jäckel

Veranstaltungsprogramm

Mittlerweile ist es für viele gute Tradition geworden - Ein Besuch der Nordischen Baumtage in Rostock. Das Team um Steffie Soldan, Wolf-Peter Polzin und Stefan Patzer stellte wieder ein gutes und abwechslungsreiches Programm zusammen. Wobei diese Baumtage nicht nur von den einzelnen Vorträgen leben, sondern die gute Mischung mit Nachmittagsexkursionen und Abendveranstaltungen macht den besonderen Reiz aus. Hier gibt es Referenten „zum Anfasssen“ und man geht nicht in einer Menge mehrerer hundert Teilnehmer unter. 

1. Tag: Prof. Dr. Dujesiefken begann die Tagung mit einem Vortrag über den richtigen Schnitt von Jungbäumen und stellte ein in den Niederlanden entstandenes Konzept vor. Nicht das Aufasten, sondern die Kronenerziehung steht hier im Vordergrund. Dabei werden primär konkurrierende und davon die stärksten Äste beseitigt, der Baum folglich „nach oben gezogen“. Der nachfolgende Vortrag beschäftigte sich mit Baumschäden bei unsachgemäßer Behandlung und den sich daraus entwickelnden Schäden und Folgekosten. Leider gilt immer noch der Satz: Wo gebaut wird, sterben Bäume. Prof. Balder nahm sich dann des Themas der Gas- und Salzschäden an. Gerade in den letzten Wintern hat die „Salzlobby“ gewaltig zugeschlagen, vermehrtes (übertriebenes) Sicherheitsbedürfnis führt auch hier zu Baumtod. 

Der Nachmittag stand dann ganz im Zeichen dieser Vorträge. Es wurden sanierte gasbelastete Standorte gezeigt und verschiedenste Vorgehensweisen diskutiert. Und manchmal muss man auch auf die Pflanzung neuer Bäume verzichten. 

2. Tag: Am Donnerstag ging es in zwei Vorträgen um die Bestandsaufnahme, den Erhalt und die vorgenommenen Pflegemaßnahmen an der Puschkinallee in Berlin. Prof. Dr. Balder und Roland Dengler referierten ausführlich und gut nachvollziehbar über die weitreichenden Untersuchungen und Pflegemaßnahmen an dieser sehr dicht gepflanzten und dann nicht fachgerecht gepflegten Allee. Der Rückschnitt der über 600 Bäume stellte nicht nur für die Baumpfleger, sondern auch für den Bauleiter eine logistische Herausforderung dar. Musste doch diese Berliner Hauptstraße für mehrere Wochen komplett gesperrt werden. 

Seltene Gehölze in der Natur standen Im Mittelpunkt des Vortrages von Dr. Schröder und Herr Schulze vom Landeskompetenzzentrum Forst Eberswalde. Im Rahmen einer landesweiten Kartierung wurden Bestände vom Wildapfel, der Wildbirne, des Feldahorns, der Eibe, der Elsbeere, des Speierlings, der Weißerle und der Traubenkirsche als Bestandteil eines bundesweiten Projektes zum Erhalt genetischer Ressourcen erfasst und genetisch bewertet. Vermutet man größere, genetisch eigenständige Bestände des Feldahorn in Mecklenburg-Vorpommern, so überrascht doch deren große Anzahl an Eiben, Elsbeeren, Wildbirnen und Wildapfelbeständen. Wer erinnert sich noch an den einen Elsbeerbaum in der Rostocker Heide aus der Exkursion des vergangenen Jahres? Ergänzend dazu hielt Dr. Berg von der Universität Graz, übrigens ein alter Mecklenburger, den Einleitungsvortrag zu der nachmittäglichen Podiumsdiskussion. Zum März 2020 wird die seit Jahrzehnten bestehende Regelung, bei Pflanzungen in der freien Natur nur gebietsheimische Gehölze zu verwenden, verpflichtend. Eine große Aufgabe für die Naturschutzbehörden und die Baumschulen. (Liest man dazu den dazu vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit  herausgegebenen Leitfaden, relativiert sich dieses doch schnell. Sind hier doch Pflanzungen im besiedelten Bereich und auf Sonderstandorten ausgenommen.)

Abends stand ein besonderes Erlebnis auf der Tagesordnung. Besuch des gerade im Bau befindlichen Darvineums im Rostocker Zoo. Unter fachkundiger Führung von Frau Jakobi, Landschaftsarchitektin im Zoo wurde das hinter diesem doch sperrigen Wort stehende Konzept erläutert. Hier zeigt sich der „neue Zoo“, die Tiere werden nicht nur ausgestellt, sondern in eine Thematik eingebunden. Mit den ersten Lebewesen auf unserem Planeten beginnt  ein Rundgang durch die Evolution bis hin zu den Menschenaffen. Der Baumpfleger sah auf dieser Baustelle im Außenbereich aber auch viele freigestellte alte Waldbäume und bei Abgrabungen abgerissene Wurzeln, ob diese Schäden von den Buchen und Esskastanien überstanden werden?

Der Dritte Tag begann mit dem traditionellen Vortrag zum Baum des Jahres, der europäischen Lärche. Wolf-Peter Polzin schaffte es mal wieder mit sehr professioneller Präsentationstechnik und noch besseren Bildern phantastischer Lärchenbestände Stille im Tagungsraum zu erzeugen. So hat man Lärchen noch nicht gesehen, passend zur Überschrift des Tages: „Alle Augen schauen, wenige Beobachten, sehr wenige erkennen.“ 

Der zweite Themenblock stand ganz im Zeichen des Pflanzenschutzes. Dr. Schmidt vom Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei M-V, warnte uns vor dem Buchsbaumzünsler, einer bisher in den nördlichsten Bundesländern noch nicht auftretenden Raupe. In Vertretung für Frau Dr. Werres stellte er uns auch die neuartigen Krankheitssymptome an Rosskastanien vor. Ähnlich wie beim Eschentriebsterben scheinen hier bekannte und seit Jahren an Kastanien vorkommende Schaderreger aggressiver zu werden. Dieses neuartige „Kastaniensterben“, welch eine Wortwahl, wird unter Leitung von Frau Dr. Werres am Julius Kühn Institut in Braunschweig untersucht. 

Frau Dr. Jäckel aus Berlin referierte fundiert über die Möglichkeiten und Grenzen des Nützlingseinsatzes in der Schaderregerbehandlung im Stadtgrün. Im öffentlichen Bereich dürfen aktuell keine chemischen Pflanzenschutzmittel angewendet werden. So wird die Förderung oder gezielte Ausbringung von Nützlingen neben der Optimierung der Standortbedingungen eines der Zukunftsaufgaben der kommunalen Baumpflege werden. Kurz angesprochen wurde auch die Problematik mit den ausgebrachten Nützlinge, meistens keiner heimischen Tierarten, auf unsere heimische Population. Es ist bemerkenswert, wie weit sich in diesem Bereich die Natur auch selber hilft, auch hier gilt die Überschrift des Tages. 

Leider lichten sich freitagnachmittags die Reihen doch zusehend, dafür war die abschließende Nachmittagsexkursion umso stimmiger. Es ging nach Heiligendamm. Neben den Veränderungen im Baumbestand im Vergleich zu dem letzten Besuch 2008, damals ging es um die Auswirkungen von Baumaßnahmen auf den Großbaumbestand, wurde diesmal die gelungene Integration von Wegen in den Waldbestand gezeigt. Bei der Alexandrinen-Villa empfing uns dann strahlend blauer Himmel, ein laues Lüftchen, leicht erhöhter Blick auf die Ostsee, Segelboote auf dem Wasser, dazu Kaffee, Säfte und Kuchen, der Ausklang dieser 22. Nordischen Baumtage konnte nicht stimmiger sein.