18. Nordische Baumtage in Rostock

Besonderheit am Abend: Shantys von De Klaashans im Innenhof der Vogtei in Warnemünde
Wolf-Peter Polzin während des Vortrags
Auf dem Dach der „Weißen Stadt am Meer“

Veranstaltungsprogramm

Die erfahrenen Veranstalter, die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL), Landesverband Mecklenburg-Vorpommern e.V., und das Amt für Stadtgrün, Naturschutz und Landschaftspflege der Hansestadt Rostock hatten wie in den zurück liegenden Jahren zum Erfahrungsaustausch eingeladen und viele folgten diesem Ruf.

Themenschwerpunkte der drei Veranstaltungstage in diesem Jahr waren: Bäume und Baumscheiben in der Stadt, Jungbaumschnitt, Einheimisches und Fremdes, neue Krankheiten, der Baum des Jahres und die Rolle von Gutachten vor Gericht. Traditionell begleitet wurden die Fachvorträge von interessanten Abendveranstaltungen, die immer Möglichkeiten zum Gespräch mit den Referenten, Organisatoren und Teilnehmern der Baumtage bieten, nachdem die Nachmittage Exkursionen an Außenstandorte vorbehalten sind.

Der erste Tag war im Wesentlichen den Stadtbäumen gewidmet und zeigte deutlich, wie gerade sie dem Motto des Tages: „Nicht der Beginn wird belohnt, sondern einzig und allein das Durchhalten“[Katharina v. Siena, 1347-1380] entsprechen. Während Dirk Clasen und Thomas Franiel in ihren Vorträgen auf die Bedeutung der richtigen Baumartenwahl für den zu bepflanzenden Standort und die notwendige Sorgfalt bei Transport und Pflanzung der Bäume eingingen, die einem selbstverständlich erscheinen, aber in der Praxis leider durchaus nicht immer eine Selbstverständlichkeit sind, stellten Jessica Riedel von der Fachschule Sachsen Anhalt und Anja Neupert aus der Stadt Stuttgart interessante Möglichkeiten der Baumscheibengestaltung vor. Sehr anschaulich wurden verschiedene Pflanzenkombinationen sowie Vor- und Nachteile der Staudenbepflanzungen auf Stadtstandorten  beschrieben. Auch hier ist Planung fast alles, denn die Standortansprüche der einzelnen Pflanzen müssen genauso berücksichtigt werden wie ihre Größe, ihre Lebensdauer, die Blühzeiträume und Blatt- oder Blütenfarben. Fehlen das Wissen oder die gute Vorbereitung, kann aus der Lust an Farbe und Abwechslung auf den Baumscheiben ganz schnell eine Last werden, die auch mit hohem Pflegeaufwand kaum noch beherrschbar ist.

Dr. Robert Schmidt berichtete in seinem diesjährigen Krankheitssteckbrief über einen „alten und fast schon vergessenen Bekannten“, den Feuerbrand, der den Fachleuten insbesondere aus dem Obstbau noch in guter Erinnerung sein dürfte, denn in den 80-er Jahren hatten nahezu alle Obstanlagen mit diesem Krankheitserreger und seinen Wirtspflanzen große Probleme. Etliche Jahre war es ruhig um ihn, doch nun kehrt er, wie so manche für uns Menschen gefährliche Krankheit auch, zurück. Oftmals hilft kein Sanierungsschnitt mehr, dann ist nur noch die radikale Variante der Bekämpfung, nämlich Rodung und verbrennen, erfolgversprechend.

Die Theorie des ersten Tages fand eine beeindruckende Bestätigung bei der Exkursion am Nachmittag zum IGA-Park in Rostock. Viele der dort im Jahre 2003 bzw. kurz vorher gepflanzten Bäume zeigten unübersehbar, dass offensichtlich Baumartenwahl, Pflanzware und Pflanzstandort nicht zueinander passen bzw. nicht ausreichend vorbereitet wurden. Schon jetzt fehlt den jungen Platanen, Weiden, Linden und anderen die Kraft zum Durchhalten. So verpufft der hoffnungsvolle Beginn und der erwartungsfrohe Besucher findet viele geschädigte bis absterbende Bäume vor. Da konnten auch die von Marko Wäldchen aus Tecklenburg vorgestellten Möglichkeiten der Korrekturschnitte an den ursprünglich als kastenförmige Kronen geschnittenen Platanen kaum Hoffnung wecken, dass diese Mühe von der Stadt durchgehalten werden kann. Dass die vielen Bäume es schaffen werden, darf bezweifelt werden; die nächsten Jahre werden es zeigen. 

„Keine Zukunft vermag gutzumachen, was wir in der Gegenwart  versäumen.“ [Albert Schweitzer] – das Zitat passte zu den Themen des Tages, die auf Klimawandel und seine Folgen hinwiesen.

Dr. Christian Berg vom Botanischen Garten der Universität Graz setzte sich mit dem unter Naturschützern intensiv diskutierten Problem der Verwendung heimischer und fremdländischer Gehölze auseinander. Während Pflanzen aus fernen Regionen schon immer zur Belebung von Parkanlagen und urban veränderten Gebieten genutzt wurden, treffen sie bei Naturschützern fast immer auf vehemente Ablehnung. Das mag begründet sein im freien Landschaftsraum, wo auch in Zukunft heimische standortgerechte Gehölze Vorrang haben sollen; in Parks und im städtischen Bereich werden aus gestalterischen Gründen auch fremdländische Gehölze immer eine Rolle spielen. Klimaveränderungen werden im Laufe der Zeit ohne unser dazutun dazu führen, dass die Grenzen sich verschieben und vermischen, Pflanzen aus dem südländischen Raum nach Norden drängen und in Mitteleuropa bisher beheimatete sich nach Norden zurück ziehen. Nicht zu vergessen die Möglichkeit, dass bisher hier nicht vorkommende Schädlinge vordringen und unter Umständen zu großen Verlusten führen können. Bekanntestes Beispiel dürfte das Ulmensterben sein oder aus jüngster Zeit die Rosskastanienminiermotte sowie verschiedene Pilze und Käferarten. Das Verschwinden von Gehölzarten wird kaum zu verhindern und auch nicht vorhersehbar sein. Die umstrittene grüne Gentechnik wird auch dazu ihren Beitrag leisten.

Eine interessante Studie über Trockenstress-Toleranz und Winterhärte stellte Prof. Andreas Roloff vom Institut für Forstbotanik der TU Dresden, Sitz Tharandt, vor. Sie kann als Planungs- und Entscheidungshilfe für die Verwendung von Gehölzen genutzt werden und war eine interessante Fortführung des Vortrages aus dem vergangenen Jahr über die Verwendung von Pionier- und Klimaxbaumarten im urbanen Raum. So eine Arbeit wird sicher nie abgeschlossen sein, weil die Bedingungen durch variable Größen bestimmt werden, aber die Möglichkeit der Eingruppierung wichtiger Gehölze in verschiedene Kategorien wird die Planungsarbeit zur Verwendbarkeit von Gehölzen unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels erleichtern. Die vorgestellten Tabellen sind schon jetzt sehr umfangreich und ein gutes Hilfsmittel bei der Vorbereitung von Gehölzpflanzungen nicht nur im urbanen Bereich. 

Dritter Referent des Tages war Christian Aepfelbach, der seine Bachelorarbeit zum Jungbaum- und Lichtraum-profilschnitt vorstellte. Ergebnisse seiner Untersuchungen bestätigten die oft beklagte und überall anzutreffende Vernachlässigung von Neupflanzungen. Viel zu spät wird geschnitten, die Folge sind zu viele zu große Schnittwunden an jungen Bäumen, die dadurch geschädigt werden. Besonderes problematisch ist das in jungen Alleen, die bestimmten Parametern entsprechen müssen und besonders dann, wenn Schleppen bildende Baumarten wie einige Linden, Rosskastanien und Platanen verwendet wurden. Alles entscheidend für die fachgerechte Pflege junger Alleebäume und ihre gute Entwicklung sind regelmäßige Pflegeintervalle mit Rücksichtnahme auf möglichst kleine Schnittwunden.

Die möglichen Folgen des Klimawandels beherrschten auch den Vortrag von Prof. Dirk Dujesiefken und Thomas Kowol vom Institut für Baumpflege in Hamburg, denn das Auftreten neuer Schädlinge oder Krankheiten steht damit in direkter Verbindung. Große und unübersehbare Ausmaße nehmen inzwischen das Eschentriebsterben und die Massaria-Krankheit der Platanen ein. Sie verursachen Probleme hinsichtlich der Verkehrssicherungspflicht und stellen für betroffene Kommunen oder Straßenbaulastträger eine große personelle und finanzielle Belastung dar. Neuartige Rindenkrankheiten an Rosskastanie und Ahorn wurden ebenfalls vorgestellt, da sie zunehmend in Deutschland auftreten und bei der Baumkontrolle von Bedeutung sind.

Die nachmittägliche Bus-Exkursion führte die Teilnehmer an Standorte im Norden Rostocks entlang der Stadtautobahn und in die „Neubau“-Gebiete mit dem Ziel, dort vorhandene Gehölzbestände aus überwiegend Pionierholzarten vorzustellen und deren Umbau zu artenreichen Beständen zu diskutieren, sowie zum Kompostplatz am Westfriedhof. Den Abschluss des Tages bildete ein gemütliches Beisammensein im Landgasthof „Zum Kutscher“ in Parkentin, wo wie immer weiter gefachsimpelt werden konnte und zuvor ein Vortrag von Dr. Jörg Köhn vom Beckmann-Institut für biobasierte Produktlinien über die Möglichkeiten der Holznutzung weiteren Diskussionsstoff bot.

„Städte ohne Bäume sind Städte ohne Jahreszeiten“ [Anonymus] – das Motto des dritten Tages zieht sich immer wieder durch die Baumtage-Veranstaltungen. Im Vortrag zur Walnuss, Baum des Jahres 2008, von Wolf-Peter Polzin aus der unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Bad Doberan, ging es dann allerdings auch um Giftmord, Krieg und Krankheit. Es ist immer wieder erstaunlich, welche und wie viele interessante Seiten zu den Jahresbäumen von ihm aufwendig recherchiert und präsentiert werden und wohl kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, Hinweise auf den Baum des Jahres im Film „Dick Tracy“ zu suchen. Eine Sequenz aus diesem Streifen passte wie dafür gemacht in den wieder sehr umfangreichen, kurzweiligen, sehens- und hörenswerten Beitrag. 

Auf sehr großes Interesse stieß auch der Vortrag von Klaus Weingartz, stellvertretender Direktor des Amtsgerichtes Rostock, über die Rolle der (Baum-)Gutachten vor Gericht. Nach dem Grundsatz  „Wissen ist Macht“ wird in der Praxis so manches Gutachten widerspruchslos hingenommen, seine Aussage akzeptiert und die Empfehlung umgesetzt, was aber grundsätzlich so nicht zwingend erforderlich ist, wenn Zweifel angezeigt sind. Die Unsicherheit auf allen Seiten kann auch dazu führen, dass Prozesse von Gutachten und Gegengutachten beherrscht werden, und dies stellt offensichtlich durchaus keine Seltenheit dar.

Zum Stand der Technik der Gehölzwertermittlung referierte anschließend der Sachverständige Dr. Hans-Joachim Schulz aus Düsseldorf und brachte auch einige Beispiele aus seiner täglichen Arbeit, sozusagen als Ergänzung des vorherigen Vortrages. 

Danach führte eine Busexkursion die Tagungsteilnehmer nach Heiligendamm. Vor einem Jahr sorgte der dort stattfindende G-8-Gipfel für eine Terminverschiebung bei den Nordischen Baumtagen, in diesem Jahr nun zählte die „Weiße Stadt am Meer“ zu den Tagungsordnungspunkten. Hans Schlag, Geschäftsführer der ECH, und Wolf-Peter Polzin stellten Entwurfsbeschreibungen zur Gestaltung des Hotelparks vor und die damit verbundenen Probleme beim Umgang mit dem vorhandenen Baumbestand. Diskutiert wurden aber auch die in den letzten Jahren vorgenommenen Veränderungen auf dem Territorium der Hotelanlage und die nun unübersehbaren Schädigungen an freigestellten oder durch Bautätigkeit beeinträchtigten Bäume. Herr Schlag stand auch für die Beantwortung der Fragen zum bisherigen und geplanten Umgang mit dem wertvollen Baumbestand zur Verfügung und verabschiedete die Teilnehmer anschließend mit einer Stärkung am Kuchenbüfett für den Weg nach Hause. 

Wie in all den vorangegangenen Jahren machte die gute Mischung der Themen und deren Diskussion den Reiz dieser Veranstaltung aus, von der sicher keiner ohne neue Erkenntnisse nach Hause fährt. Möge den Veranstaltern das auch in Zukunft gelingen.

Maren Fritsche
Untere Naturschutzbehörde des Landkreises Güstrow