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Freiräume im Stadtbild schaffen

16.08.2012 07:52

Eine Stadt erlebt man in ihren Freiräumen. Es ist das räumliche Geflecht von privaten, halböffentlichen und öffentlichen Freiflächen, wie Gärten und Parks, Plätze und Promenaden. Freiräume gliedern eine Stadt, bestimmen durch Maßstab, Proportion und Ausstattung ihre  Identität, sind, bei ansprechender Gestaltung, Orte hoher Aufenthaltsqualität. Insbesondere Stadtplätze und Promenaden prägen den Charakter einer Stadt. Sie sind geschichtsprägende Orte, Orte des öffentlichen Lebens, hier schlendert man, hier kauft man ein, trinkt Kaffee oder genießt einfach Stadtleben. Das „urbane Outfit“ ist ein entscheidender Faktor im Wettbewerb der Kommunen unter einander um Wohnqualität und Arbeitsplätze, entscheidet, ob Touristen eine Stadt gerne aufsuchen. Und die Bürger selbst identifizieren sich mit ihrer Stadt. Das wurde deutlich, als seinerzeit per Bürgerentscheid die Bebauung des Dernschen Geländes verhindert wurde und jüngst wieder, als sich ein deutliches Bürgervotum gegen die Erweiterung der Rhein-Main-Halle in die Herbertanlage aussprach.

Eine Stadt verändert sich ständig. Neues verdrängt das Alte, ein Prozess, der besonders in einer historischen Stadt wie Wiesbaden behutsam erfolgen muss, denn  „Bauen im Bestand“ bedeutet auch Verdichtung, Veränderung des Freiraums, führt zu spürbaren Qualitätsveränderungen. Die Verdichtung einer Stadt ist ein schleichender Prozess, vollzieht sich in kleinen Schritten. Gärten und Freiflächen werden überbaut, oder als  Parkplätze genutzt. Ein besonders krasses Beispiel ist die im Jahr 1976 erfolgte Bebauung des denkmalgeschützten Luxemburgplatzes mit einer Kita. 

Das Hauptproblem historischer Städte  ist der fließende und ruhende Verkehr, denn dafür waren  sie nicht geplant. Das städtebauliche Leitbild der 60er und 70er Jahre war die „autogerechte Stadt“. Ein unerfüllbarer Traum, wie wir heute alle wissen. Dann besann man sich wieder auf die eigentlichen Grundwerte einer Stadt, die Wiedergewinnung oder Qualitätsverbesserungen des öffentlichen Lebensraums. Einst zugeparkte Alleen wurden autofrei,  ein Paradebeispiel ist der Grünzug Adolfsallee, Stadtplätze wie der Luisenplatz, das Dernsche Gelände oder der Kurhausvorplatz wurden vom Blech befreit. Diesen Trend gilt es fortzusetzen. So könnte der Parkplatz vor dem Theater (Westseite) an der Wilhelmstraße oder der zugeparkte Gutenbergplatz ebenfalls dem Fußgänger zurück gegeben werden.

Wiesbaden ist von zwei Entwicklungsepochen geprägt, dem „steinernen“, eng bebauten „Historischen Fünfeck“ und, ab dem 19. Jahrhundert, mit der aufgelockerten „grünen Stadt“, geprägt  durch Alleen, großzügige Villengebiete, Parkanlagen, begrünen Plätzen, wie z. B. der Luisenplatz. Es entstanden Raumfolgen von Plätzen, Promenaden und Grünanlagen. Ein typisches Beispiel ist der Grünzug Wilhelmstraße/Friedrich-Ebert-Allee, vom Bowlinggreen über den Stadtpark Warmer Damm mit der vorgelagerten Promenade, die bis zu den Reisinger-Herbertanlagen reicht. Ein anders Beispiel ist der Stadtraum Taunusstraße. Der Fußgänger, unter Bäumen promenierend, sieht bereits in weiter Ferne die grüne Silhouette des Nerobergs  als lockendes Ziel, quert  den kürzlich neu erstandenen, gut gestalteten Platz am Kriegerdenkmal, erlebt dann den schönen Nerotalpark, begleitet von prachtvollen Villen, deren Gärten den Park optisch erweitern  Besser kann man Stadt und Landschaft nicht mit einander verbinden. 

Diese wenigen Beispiele zeigen, um was es bei den SEH - GÄNGEN 2012 geht, nämlich  um das Bewusstmachen der Freiraumqualitäten Wiesbadens. Es ist  das Bewahren überlieferter Stadtbilder und Stadträume, hierzu gehört auch der visuelle Bezug der Stadt zur umgebenden Landschaft. In sechs Sehgängen werden Vorschläge für städtebauliche Verbesserungen gemacht, z. B. die Forderung, nun  endlich den Parkplatz Paulinenhang zu begrünen, in Anlehnung des einstigen historischen Park um das im Kriege zerstörte Paulinenschlösschen, oder die Gestaltung des brach liegenden ehemaligen „Friedhofs an der Heidenmauer“, um den bisher „verriegelten“ Grünraum in Fortsetzung der Schützenhofstraße zu öffnen werden. Damit würde auch die jüdische Gedenkstätte an der Coulinstraße besser angeschlossen. Insgesamt soll deutlich gemacht werden,  dass Stadtplanung mehr ist als  interessenorientierte „Investorengeschäfte“. Zukünftige Stadtentwicklung muss mehr die Wiesbaden typischen Stadtqualitäten berücksichtigen. Dazu gehören nicht nur die historische Bausubstanz, sondern eben auch die dazugehörenden öffentlichen Räume, wie Straßen, Wege, Plätze und Grünanlagen. Es gilt die gestalterischen, sozialen und ökologischen Qualitäten der Stadt in einem verbindlichen „Masterplan“ festzuhalten als Grundlage zukünftiger städtebaulichen Entscheidungen.

Hildebert de la Chevallerie
erschienen am 16.August 2012 im Wiesbadener Kurier