In kühler Heiterkeit den Trammplatz in Hannover passieren - Diskussion zu den gartenkünstlerischen und städtebaulichen Qualitäten der Nachkriegsmoderne

Unsere Veranstaltung zum Trammplatz fand zahlreichen Zuspruch.
Zum Schluß wurde in großer Runde angeregt diskutiert.

Vortrag: Prof. Dr. Erika Schmidt, Technische Universität Dresden, Koreferat: Dipl.-Ing. Thomas Göbel-Groß, Landeshauptstadt Hannover, 17.09.2013

In Hannover soll der zentrale, dem Rathaus vorgelagerte Platz umgebaut werden. Nach dem zweiten Weltkrieg schuf Gartendirektor Dr. Erwin Laage hier einen für seine Zeit typischen Platz. Dafür wurde  die Gestaltung des Schmuckplatzes aus dem 19. Jahrhundert radikal verändert. Heute stehen Denkmalschützer, Gartenarchitekten und Stadtplaner vor der Herausforderung, diese Zeit mit ihrer spezifischen Gestaltungsprache zu würdigen und gleichzeitig den Platz modernen Bedürfnissen der Stadtgesellschaft anzupassen.

Prof. Dr. Erika Schmidt erläuterte, was an dem Trammplatz zeittypisch und schön ist, um daran zu erinnern, dass das Erbe der Nachkriegsmoderne als Teil der politischen Geschichte der Nachkriegsgesellschaft zu verstehen ist und dass herausragende Beispiele mithilfe einer pflegenden Instandsetzung erhalten werden sollten. Ziel der Gestalter dieser Zeit war es, fließende Räume zu bilden, die Autos und Fußgänger häufig auf verschiedenen Ebenen passieren können. Dafür wurden moderne Baustoffe, zum Beispiel der Waschbeton, verwendet und es wurde mit graphischen Mustern auf weiten Flächen gespielt. Wie gewebt erscheinen die Pflasterungen. Alles, was autoritär, monumental und pompös wirkt, wurde abgelehnt. Vor einfache Wandflächen und Mauern stellte man bizarr wachsende Bäume und Sträucher und pflanzte flächige Farbfelder. Mit einem frei beweglichen Mobiliar und einem ausgewählten Skulpturenprogramm wirkten die Plätze und Passagen belebt. Diese „kühle, noble Heiterkeit“ hatte Vorbilder, zum Beispiel in Dänemark.  Charakteristische Beispiele in Deutschland waren der Ernst-Reuter-Platz in Berlin und die Anlagen der Bundesgartenschau 1961 in Stuttgart mit dem „Eckensee“ im Stuttgarter Schlossgarten.  Vor allem „modern“ baute man die zerstörten Städte progammatisch gegen die Katastrophe der Nazizeit neu auf. Leider erschließt sich diese Gestaltungssprache heute nicht mehr leicht für jedermann.

Demgegenüber gibt der hannoversche Stadtgestalter und Landschaftsarchitekt Dipl.-Ing. Thomas Göbel-Groß zu Bedenken, dass die damals begonnene Dominanz des Autoverkehrs heute zu den wichtigsten Problemen der Stadtgestaltung gehört. Wenn man nur durch eine Unterführung auf den Trammplatz gelangt, wenn der Platz neue Nutzungen mit Festen und Musikveranstaltungen nur sehr schwer ermöglicht, so sind dies deutliche funktionale Mängel. Planung muss heute auch die Belange von mobilitätseinschränkten Menschen berücksichtigen. Die Chancen der Umgestaltung des Trammplatzes lägen in der Möglichkeit, Innenstadt und Neues Rathaus ebenerdig zu verbinden und den Maschpark nicht nur hinter dem Rathaus zu wissen. Schon im Vorfeld soll man den Park und den neu geöffneten Platz als Ensemble wahrnehmen. So  müsste man auch die privilegierten Parkplätze und Buschpflanzungen beseitigen, die Lindenallee im Sinne einer Promenade einbeziehen und natürlich eine Bauausführung mit besonderer Qualität anstreben. Das Blumenmuster des Entwurfs der Bauverwaltung mit dem Landschaftsarchitekten Kamel Louafi erfülle alle diese Anforderungen.

Auch wenn der neue Entwurf nicht im Verdacht des Pompösen steht, so fragten die Diskussionsteilnehmer doch nach der angemessenen Wertschätzung des modernen Nachkriegserbes der Stadt. Allzu leicht verabschiedet man sich in Hannover von wichtigen Bauten und Plätzen, so dass bald keine Beispiele dieser stadtprägenden Zeit mehr erlebbar sind. Was müsste also geschehen? Es müsste eine Erfassung und stilgeschichtliche Einordnung dieser Schöpfungen beauftragt werden, um zu erfahren, was in der Stadt noch in welcher Qualität vorhanden ist. Dazu müssten sich die Landschaftsarchitekten in Ausbildung, Forschung und Praxis intensiver mit dem Thema beschäftigen, denn während das Gestaltungsrepertoire des Barock- und Landschaftsgartens ohne Diskussion als wertvoll eingeschätzt wird, entzieht sich die spröde, aber dennoch zeitgeschichtlich bedeutsame Moderne der heute typischen Vereinnahmung von Profession, Politik und Wirtschaft. Es dürfte keine Vernachlässigung dieser Brunnen, Plätze und Parkanlagen zugelassen werden, denn so wird sowohl deren Qualität herunter gespielt, als auch dem leichtfertigen Abriss Tür und Tor geöffnet. Und last but not least müsste sich die Denkmalpflege intensiver mit dieser Zeit und der Unterschutzstellung herausragender Beispiele beschäftigen. Die DGGL hat zu diesem Thema eine Gruppe im „Arbeitskreis historische Gärten“ gegründet, Hannover freut sich auf die Ergebnisse. 

 

Text: Bettina Oppermann 02.10.2013
Fotos: © Martina Gollenstede 17.09.2013